Festvortrag Jubiläum 2002 Prof.H.Bausingen

Auszüge aus dem Vortrag von Professor Dr. Hermann Bausinger:
"Anbandeln, Anbaggern, Anmachen - Zur Kulturgeschichte der Annäherungsstrategien":

...Die Geschichte mit dem Anbaggern, Aufreißen, Abschleppen spielt sich nicht halb so technisch und geölt ab, wie es diese metaphorischen Begriffe nahelegen. Übrigens auch nicht so erfolgreich, wie es die Standardempfehlungen in der Gegend zwischen Bravo und Internet nahe legen. Es gibt ganz witzige Baggersprüche, welche die alte Ich-will-Dir-meine-Briefmarkensammlung-zeigen- Taktik ersetzen.
Ich hab meine Telefonnummer verloren, krieg ich Deine?
Ich hab mich verlaufen, darf ich mit zu Dir?

Deine Füße müssen Dir wehtun - Du bist mir den ganzen Tag durch den Kopf gegangen.

Bei einer Befragung über Anbandelsprüche wurde als besonders erfolgversprechend der folgende bewertet: "Jetzt bist fällig, weil Du gleich mit mir Weißbiertrinken musst".

Küssen
Unproblematisch sind auch solche Alternativsprüche nicht. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand der Alternativtourismus, bald gab es alternative Reiseführer, und darin konnte man (von sehr geschäftstüchtigen oder sehr naiven Autoren) lesen, in Hermopolis auf der griechischen Insel Syra sei am westlichen Ortsende ein einzelnes kleines Haus mit der ungemein gastfreundlichen Familie Makropoulos, die sofort zum Essen einlade. Im Jahr darauf kamen so viele alternative Schnorrer, dass der Familie Makropoulos die Gastfreundlichkeit abhanden kam. In Analogie dazu: Auch die alternativen Baggersprüche werden schnell konventionell, haben ein Verfallsdatum; und wenn der dritte oder vierte Kandidat den Weißbierspruch absondert, wird ihm selbst in der Großregion München nicht jedes junge Mädchen um den Hals fallen.

Aber das ist nicht das Entscheidende. Wichtiger ist, dass diese ganze Baggerpoesie und -strategie zwar stilistisch zur erhitzten Party-Atmosphäre und wohl auch Disco-Atmosphäre passt und dort auch ihren Sinn hat, dass aber gerade bei besonders wichtigen Kontakten, bei wirklicher Verliebtheit, solche Schnellschüsse am Problem vorbeizielen. Das Problem heißt Befangenheit - und diese Befangenheit ist nur zu verständlich in einer sehr fremden Konstellation und ist mit hundert wohlgemeinten Ratgebern nicht wegzuzaubern. Birgit VANDERBEKE schildert in ihrem Buch "Alberta empfängt einen Liebhaber" eine solche Befangenheitsszene zwischen zwei 15jährigen, nachts im Wald. Das folgende Zitat ist aus der Sicht des jungen Mädchens formuliert:

"Sobald man anfängt, eine längere Weile schweigend herumzusitzen, verliert man unweigerlich die Entschlusskraft, die man zum Küssen braucht, und das gesamte Kussvorhaben erscheint einem nicht mehr unumgänglich und unvermeidlich, nicht einmal passend, sondern zunächst unpassend und zweifelhaft, später anrüchig und schließlich leicht unappetitlich. Man mag nicht mehr, selbst wenn man vorher sicher war, dass man mögen würde. Bei schweigendem Herumsitzen fängt man nämlich an zu denken. Und dabei fällt einem auf, dass man eigentlich nicht versteht, warum man jemandem, den man gern mag, weil er Nadan ist und Nadans Stimme hat, Nadans leisen Dialekt und Nadans kluge Augen, warum bloß man so jemandem, den man tatsächlich besonders gern mag, mit der Zunge in den Mund fahren soll, wo die eigene Zunge und der andere Mund voller Spucke sind, und dass Spucke unappetitlich ist, weiß ja jeder, aber mit 15 Jahren weiß man es womöglich besser und genauer und unerbittlicher als jeder."

Später wird das noch einmal resümiert: Man mag einfach nicht mehr. Es kommt vom Denken. Man wird allmählich sogar ein bisschen aufgebracht gegen den Anderen, nur weil er da ist. Es ist lästig, dass er da ist.

Dies ist nicht das Protokoll einer gescheiterten Beziehung, sondern die genaue Beobachtung einer Phase der Annäherung. Es geht um Liebe, und dieses aufreibende Schweigen gehört genau so ins Szenario der Liebe wie die flotten Sprüche. "Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe", schrieb Friedrich NIETZSCHE, aber er fuhr fort, "es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn".

Ich rede bewusst von Liebe, die aus dem Wortschatz der Baggerpsychologen oft ebenso bewusst ausgespart wird. In Dresden befasst sich zur Zeit eine Forschergruppe mit "Institutionalisierungsprozessen von Zweierbeziehungen". Veranlasst wurde das Projekt durch die Beobachtung, dass sich die Kontaktgeschwindigkeit für Zweierbeziehungen in der ehemaligen DDR (und übrigens auch im Westteil des Landes) erhöht hat. Aber in einem ersten Überblick stellten die Forscher fest: "Wir waren überrascht, doch Sexualität scheint nicht die entscheidende Komponente im Paarbildungsprozess zu sein". Bestätigt wird dies durch Statistiken, die nach wie vor in den meisten europäischen Ländern ein deutliches, in manchen Ländern oft sehr langes Moratorium ausweisen zwischen Kontaktnahme und Geschlechtsverkehr, also etwas wie ein langes Vorspiel oder eine schöpferische Pause, die zwar nicht immer eingehalten wird, die aber doch statistisch signifikant ist.

Verwunderlich ist das eigentlich nicht. Die Notwendigkeit dieser Pause ist nicht nur aus den Problemen abzuleiten, die ich mit dem Stichwort Befangenheit umschrieben habe, sondern auch aus ganz positiv zu formulierenden Motiven. Die konstante oder konstantere Zweierbeziehung ist ein Ergebnis von Sinnsuche - und je problematischer und belangloser die alten Sinnhorizonte geworden sind, die bereit gestellt wurden von der intakten Familie, von kirchlichen Vorgaben, von allgemein anerkannten gesellschaftlichen Werten -, um so verlockender ist es, einen Menschen zu finden, mit dem man sich aussprechen, dem man erzählen, mit dem man auch schweigen, kuscheln und auch küssen kann. Dieses weiter gefasste Ziel der Kontaktnahme erklärt, dass nach wie vor die indirekte Annäherung eine größere und meist auch erfolgreichere Rolle spielt als die saloppe Baggertechnik. Man spricht über Gott und die Welt (manchmal ganz wörtlich zu nehmen), und man testet so den Raum, in dem Gemeinsamkeit möglich ist.

Nun hat man neuerdings oft festgestellt, dass in der Adoleszenz die Parallelwelten, wie sie von den Medien vermittelt werden, eine beherrschende Stellung einnehmen und dass sie die Jugendlichen von ihrer Umgebung, ja von der Realität entfremden. Es ist sicher richtig, dass solche Parallelwelten in ihrer Unverbindlichkeit Sicherheit vorgeben und Lustschübe ohne vorherige Investition auslösen können. Aber es handelt sich wohl eher um Fluchtpunkte der Unsicherheit, um keinen Daueraufenthalt. Die Handy-Epidemie unter Jugendlichen, ihr alle PISA-Ergeb­nisse denunzierender Eifer im Versenden und Entschlüsseln von SMS-Botschaf­ten ist meines Erachtens ein Symptom dafür, dass auch die technischen Medien nicht von der realen Kommunikation abhalten, dass sie vielmehr Stationen sind auf dem Weg zu der Unmittelbarkeit und Nähe, die in gelungenen Zweierbeziehungen auch noch durch extreme Lust belohnt werden.

Vortrag komplett "Bausinger: Anbandeln..."