Schwanger – und dann? - Bei Pro Familia treffen sich junge Mütter regelmäßig zu einer Gesprächsrunde

ein Artikel im Schwäbischen Tagblatt am 02.03.2010 von Frau Rike Braitmayer, 19.

Mit großen Kulleraugen schaut das kleine Wesen einen hilflos an. Da wird einem warm ums Herz und in solchen Momenten hätte der eine oder andere auch gerne ein Kind.

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Zur GroßansichtBild: Rike Braitmayer
Doch sind diese Gedanken oft nur von kurzer Dauer. Man denkt an Schule, Ausbildung, Beruf, Karriere und an den Stress, den ein eigenes Kind bedeutet. So lieb und süß liegt das Kleine nicht den ganzen Tag in seinem Bettchen und lässt sich von seinen Eltern anhimmeln, sondern es braucht eine Menge Pflege und Aufmerksamkeit.
Wenn es jedoch soweit ist und auch der zweite Schwangerschaftstest positiv zeigt, was dann? Diese Frage stellen sich heutzutage viele Frauen, die ungewollt schwanger werden. Ob sie nun 30, 20, oder erst 17 Jahre alt sind, spielt dabei keine Rolle. Für jede ist es erst einmal kaum vorstellbar, und für jede bedeutet dies einen neuen Einschnitt in ihrem Leben.
Zum Glück sind diese Frauen nicht allein. „Pro Familia“ ist unter anderem eine Beratungsstelle für Mütter im Jugendalter. „...die anderen gehen in die Disco und ich bekomme ein Baby!“ Dieser Satz ziert den Flyer einer Gesprächsrunde für diese Mütter. Jeden zweiten Dienstag treffen sich die jungen Mädchen mit ihrem Nachwuchs.

Ein Baby ist ein Vollzeitjob

Seit September 2008 gibt es die Gruppe schon. Anfangs war die Gesprächsrunde für schwangere Mädchen gedacht, doch das Interesse an weiteren Treffen wuchs, und so weitete sich die Gruppe automatisch auf Mütter mit Neugeborenen aus. Diplompädagogin Gudrun Schäfer, die die Gruppe leitet, meint, dass es für die jungen Mütter oft sehr schwer sei, mit einem Neugeborenen umzugehen, was jedoch nur bedingt mit dem Alter zu tun habe. Sie zeigt in die Runde und sagt: „Hier sieht man eigentlich wirklich gute Mamas!“.
Die Mädchen dort sind in der Regel 15 bis 25 Jahren alt. Letzten Dienstag traf ich Luisa (18) mit ihrer noch ungeborenen Tochter; Larissa (19) mit dem kleinen Nico; Jessica (19) mit Nachwuchs Malique; Melanie (23) mit Elias und Sandrine (19) mit ihrem Sohn Joel. Außer Joel, der drei Monate alt ist, wurden alle Babys dieses Jahr geboren. „Malique und Nico sind sogar beide am 6. Januar auf die Welt gekommen“, erzählt Jessica. Sie wohnt mit Malique bei ihrer Oma und möchte immer für ihn da sein. Auch wenn sie vielleicht schon nächstes Jahre eine Ausbildung machen möchte, ist es ihr wichtig, ihren Sohn selbst aufzuziehen und ihn dann zumindest halbtags bei sich zu haben. Auch die anderen Mädchen möchten nicht, dass ihr Kind den ganzen Tag in einer Kindertagesstätte lebt, sondern wollen die Kleinen aufwachsen sehen. Hierfür bietet die „Bundesagentur für Arbeit“ Teilzeitausbildungen für Eltern an. Nur Melanie hat schon jetzt einen Beruf. Sie ist Frisörin, wohnt im Haus ihre Eltern und wird wahrscheinlich nach einem Jahr Babypause anfangen, in Teilzeit zu arbeiten.
Fleyer von pro familia
Zur GroßansichtFleyer von pro familia

Das Geld, das der Staat den jungen Müttern zur Verfügung stellt, reicht kaum zum Leben aus. Doch bei jungen Müttern dächten viele gleich, sie sei ein „Assi“ und lebten vom Geld anderer, meint Larissa. „Dabei bekommen wir nicht mehr Geld vom Staat als jede andere Mutter auch.“ Auch Luisa hat schlechte Erfahrungen mit Fremden gemacht. Die schwangere Jugendliche wird wegen ihres Babybauches oft schräg angeschaut, obwohl ein junger Körper eine Schwangerschaft oft besser bewältigt als eine ältere Frau, bei der die biologische Uhr tickt.
Die jungen Mütter aus der Gruppe meistern ihr Leben derzeit mit professioneller Unterstützung gut und genießen es, nun verantwortungsvoll und erwachsen geworden zu sein. Luisa möchte vielleicht sogar noch ihr Abitur nachmachen, Larissa und Sandrine wohnen mit ihrem Freund zusammen und bilden somit jeweils eine kleine Familie. Jessica denkt schon über ihr Leben mit 40 Jahren nach, wenn sie einen erwachsenen Sohn hat und ihr Leben frei Schnauze leben kann, während andere noch kleine Kinder haben.
Zwar war es für alle eine große Herausforderung, plötzlich nicht mehr ihre Freizeit ganz nach Lust und Laune gestalten zu können, doch würde keine der jungen Frauen ihr Baby missen wollen. Ein Kind bedeutet einen Fulltimejob, und das ist oft nicht leicht, vor allem für sehr jungen Mütter.
Gudrun Schäfer erzählt, dass sie schon einmal ein Mädchen von 14 Jahren in der Gruppe hatte, die selbst noch ein halbes Kind war und für die ein Baby nochmal eine größere Herausforderung bedeutete. „Wenn man so jung ein Kind bekommt, steht man noch nicht mit beiden Beinen im Leben“, meint eine der jungen Mütter. Früher sind die Mädchen jedes Wochenende weggegangen, haben Spaß gehabt und sich keine Gedanken gemacht. „Nun lernt man das Weggehen zu schätzen“, meint Jessica. Die Mädchen genießen diese seltenen Abende, würden jedoch am liebsten alle zwei Stunden zu Hause anrufen um zu wissen, wie es dem Kleinen geht. Man trägt plötzlich die Verantwortung für zwei Menschen und wird dadurch unheimlich erwachsen.
Die vierzehntägigen Treffen bei pro familia geben den jungen Müttern noch mehr Sicherheit. In der Gruppe können sie Erfahrungen austauschen und merken, dass sie mit ihren Problemen und Fragen nicht alleine sind. Zusätzlich zu diesen Gruppenterminen bekommen sie so viel Einzelberatung und Einzelfallhilfe, wie sie brauchen. Außerdem steht bei allen schwereren Fragen, etwa wenn das Baby sehr viel schreit, schlecht schläft, oder wenn es der Mutter schlechter geht, eine speziell ausgebildete Säuglingsberaterin, Ingrid Löbner, zur Verfügung.
Jessica empfiehlt allen jungen Müttern, zu Pro Familia zu gehen, „man trifft hier gleichaltrige Mädels in gleichen Lebenssituationen, mit denen man sich unterhalten kann“. Oft entstehen auch Freundschaften zwischen den Müttern. So gehen Jessica und Larissa fast jeden Tag zusammen spazieren.
Wieder Erwarten habe ich an diesem Abend nur lebensfrohe Menschen kennengelernt. Die Mädchen können von der Gruppe nur profitieren, und sie werden dadurch auf ihrem Weg ins Mutterdasein verlässlich begleitet.